© Mirja Magis – Psychologische Beratung
Es ist Abend. Eine Person spürt: Da stimmt etwas nicht zwischen uns – und will reden. Jetzt. Die andere spürt denselben Druck – und macht zu. Braucht Ruhe. Später.
Je mehr die eine nachfragt, desto knapper werden die Antworten. Je knapper die Antworten, desto drängender die Fragen. Am Ende des Abends fühlen sich beide allein – im selben Zuhause.
Wichtig zu wissen: Keiner von euch ist das Problem. Das Muster ist es. Der Verfolger-Rückzieher-Kreislauf ist die Dynamik, die Paaren in Beratung und Therapie am häufigsten begegnet – und sie ist erstaunlich gut verstanden.
Die Paartherapeutin Sue Johnson, Begründerin der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT), nennt solche Schleifen „Teufelsdialoge“: Nicht ihr streitet miteinander – das Muster streitet mit euch.
Das Tückische daran: Beide kämpfen in Wahrheit für dasselbe. Für die Verbindung. Nur mit entgegengesetzten Strategien:
–> Die eine Seite sucht bei Beziehungsstress mehr Nähe – fragt nach, will klären, rückt näher
–> Die andere Seite sucht bei demselben Stress mehr Abstand – wird still, weicht aus, braucht Raum
Und genau dadurch bestätigt jede Strategie ausgerechnet die Angst des Gegenübers: Der Rückzug befeuert die Verlustangst der einen Seite. Das Drängen befeuert das Gefühl der anderen, vereinnahmt zu werden. Und so dreht sich der Kreislauf, ganz ohne bösen Willen.
1. Die Seite, die klammert
Hinter dem Nachfragen, Anrufen, manchmal auch Vorwerfen steckt ein Bindungssystem im Alarmzustand. Die Bindungsforschung spricht von Hyperaktivierung: Wer früh gelernt hat, dass Nähe unzuverlässig sein kann, entwickelt ein feines Radar für Distanz – und kämpft dagegen an. Das sogenannte Protestverhalten ist kein Kontrollbedürfnis, sondern eine verkleidete Frage: „Bist du noch da? Bin ich dir noch wichtig?“
2. Die Seite, die flieht
Der Rückzug wirkt von außen wie Gleichgültigkeit, ist aber fast immer Selbstschutz. Die Forschung nennt es Deaktivierung: Wer gelernt hat, dass Gefühle überfordern oder Nähe vereinnahmt, bringt sich bei emotionalem Druck in Sicherheit. Interessant dabei: Studien zeigen, dass sich hinter der äußeren Ruhe häufig eine hohe innere Anspannung verbirgt. Der Rückzug bedeutet nicht „Du bist mir egal“, sondern meistens: „Ich bin überflutet und weiß gerade nicht wohin damit.“
3. Warum sich beide gegenseitig verstärken
Verlustangst trifft auf Vereinnahmungsangst. Jede Schutzstrategie ist genau der Auslöser für die Schutzstrategie des anderen. Deshalb fühlt sich der Tanz so ausweglos an – und deshalb hilft es auch so wenig, wenn nur einer von euch „an sich arbeitet“.
Es ist immer derselbe Streit – nur die Themen wechseln. Die Rollen bleiben.
1. Gebt dem Muster einen Namen
Das klingt banal und verändert doch alles: Wenn ihr mitten im Konflikt sagen könnt „Wir sind wieder im Tanz“, steht ihr zum ersten Mal auf derselben Seite. Nicht mehr du gegen mich – sondern wir gegen das Muster.
2. Lernt, die Sprache des anderen zu übersetzen
Klammern heißt übersetzt: „Ich habe Angst, dich zu verlieren.“ Rückzug heißt übersetzt: „Ich bin überflutet – nicht weg.“ Allein diese Übersetzung nimmt dem Verhalten des anderen das Bedrohliche.
3. Vereinbart Pausen mit Rückkehr-Versprechen
Der wirksamste Kompromiss zwischen beiden Systemen: eine Auszeit mit konkreter Rückkehrzeit. „Ich brauche eine halbe Stunde – um acht reden wir weiter.“ Die Pause beruhigt die Seite, die Abstand braucht. Das Versprechen beruhigt die Seite, die Verlässlichkeit braucht. Entscheidend ist: Die Rückkehr muss dann auch stattfinden.
4. Sagt das Bedürfnis statt des Protests
„Nie bist du erreichbar!“ ist Protest. „Ich brauche gerade ein Zeichen, dass wir okay sind“ ist ein Bedürfnis. Das Erste löst Verteidigung aus, das Zweite ermöglicht Nähe – auch wenn beides aus demselben Gefühl kommt.
5. Holt euch Begleitung, wenn der Tanz stärker ist als ihr
Genau für dieses Muster wurde die Emotionsfokussierte Paartherapie entwickelt – mit beeindruckenden Ergebnissen: Der Großteil der stark belasteten Paare findet damit wieder deutlich zueinander. Ihr müsst diesen Kreislauf nicht durch bloße Willenskraft durchbrechen.
Der Verfolger-Rückzieher-Tanz ist kein Beweis, dass ihr nicht zusammenpasst. Er ist der Zusammenprall zweier Schutzstrategien, die ihr beide lange vor eurer Beziehung gelernt habt.
Und das ist die eigentlich gute Nachricht: Was gelernt wurde, lässt sich neu lernen. Die Bindungsforschung nennt das „erarbeitete Sicherheit“ – die Fähigkeit, sicher zu lieben, auch wenn der eigene Start ins Leben das nicht vorgesehen hat.
Wenn ihr euch in diesem Text wiedererkannt habt – vielleicht sogar mit einem leisen „Das sind ja wir“: Ihr seid damit nicht allein, und ihr müsst da auch nicht allein raus.
Als psychologische Beraterin begegnet mir dieser Tanz regelmäßig. Und ich erlebe immer wieder, wie schnell sich etwas verändert, wenn beide zum ersten Mal wirklich verstehen, wofür der andere die ganze Zeit gekämpft hat. Übrigens: Auch wenn dein Partner oder deine Partnerin (noch) nicht mitkommen möchte, lohnt sich der Blick auf das eigene Bindungsmuster – auch allein lässt sich hier viel bewegen.
Wenn ihr euch Unterstützung wünscht, meldet euch gerne bei mir.
In diesem Sinne: Ihr seid keine Gegner – ihr steht nur an zwei Enden derselben Angst.
Ganz liebe Grüße
Coach & psychologische Beraterin
Hinweis:
Hinweis: Die Inhalte dieses Artikels basieren auf meiner Beratungserfahrung sowie auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Bindungs- und Paarforschung.
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